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Großprojekt für Stuttgarter Architekten

Grüne Stadt in der Wüste

28.08.2009 Stuttgart - Die Stadt der Zukunft entsteht in kargen Büros an der Heilbronner Straße, von denen man auf den Hauptbahnhof hinausblickt. In dieser Stadt sollen schon in wenigen Jahren führerlose Elektroautos im Untergrund fahren. Die Bewohner werden die Fahrzeuge per Touchscreen bestellen können. Auf ihrem zentralen Platz werden pilzförmige Schirme stehen, die Schatten spenden – die sich nachts schließen, damit die Hitze entweicht und tagsüber öffnen, um für Kühlung zu sorgen.

"Anregungen holen wir uns aus der Natur, das verbinden wir mit einer Faszination für moderne Technik."
Tobias Walliser, Lava

Hier wird Meerwasser entsalzt, der Müll fast vollständig wiederverwertet, der Strom mit Solarzellen erzeugt. Die Metropole mutet gleichermaßen futuristisch wie traditionell an. Die Stadt der Zukunft heißt nicht Stuttgart 21, dessen Baugelände an der Heilbronner Straße liegt – sie heißt Masdar-City und liegt in den Vereinigten Arabischen Emiraten.


Ein Auftrag in Höhe von 200 Millionen Euro


Kürzlich hat das Stuttgarter Architekturbüro Lava (Laboratory for Visionary Architecture) einen Vertrag unterschrieben – es plant den wichtigsten Platz in Masdar-City, ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Konferenzzentrum und Wohngebäude. Der Auftrag ist rund 200 Millionen Euro schwer, ein dicker Fisch für das Architekturbüro und dessen rund 25 Mitarbeiter an den Standorten in Stuttgart und Sydney.

Drei Mann führen den Club der selbst ernannten Architekturvisionäre: die beiden Stuttgarter Alexander Rieck (42) und Chris Bosse (37), sowie der Freiburger Tobias Walliser (39). Auf der Biennale in Venedig haben sie sich vor einigen Jahren kennen gelernt, seit 2007 haben sich unter dem Lava-Label zusammengeschlossen. "Wir sind ein Kind der Stuttgarter Netzwerkkultur, geprägt von Frei Otto", erzählt Alexander Rieck. "Anregungen holen wir uns aus der Natur, das verbinden wir mit einer Faszination für moderne Technik", sagt Tobias Walliser.


"Architektur für die Welt von Übermorgen"


Mit diesem aufregenden Mix wollen sie nun in Masdar-City nicht weniger als "die Architektur für die Welt von Übermorgen" schaffen. Wie in einem Wald sollen sich die Flaneure der Wüstenstadt auf deren großem Platz fühlen: Tagsüber fällt zwischen den Schirmen das Licht wie bei einem Blätterdach ein. Die Luft wird von bis zu 50 Grad zunächst um rund zehn Grad abgekühlt.

Weil der Boden zusätzlich mit Wasser gekühlt wird, sinkt die Temperatur weiter auf ein erträgliches Maß ab. "Bisher findet das öffentliche Leben am Golf aufgrund der Hitze in Shoppingmalls statt", sagt Tobias Walliser. "Wir holen es auf den Platz zurück."

Während vor der eigenen Haustür das Projekt Stuttgart 21 jahrelang in der Wartehalle stand, soll Masdar-City innerhalb der nächsten drei Jahre bereits fertig sein. Die 50.000 Einwohner der Stadt werden in einer im doppelten Sinn grünen Oase leben.


Ziel ist eine möglichst CO2-neutrale Stadt


Die UN-Umweltagentur Irena soll dort ihren Sitz bekommen, an ökologischen Projekten werden auch das Fraunhofer Institut und das Massachusetts Institute for Technology (MIT) forschen. Ehrgeizig ist das Ziel einer weitgehend CO2-neutralen Stadt formuliert, in der nicht mehr das noch am Golf sprudelnde Öl, sondern die Photovoltaik den Energiehunger stillt.

Machthaber wie Sultan Jaber wollen sich "mit erheblicher Kraft für neue Energien einsetzen" und dabei unter anderem auf die Inspiration und das architektonische Know-how aus Stuttgart setzen. Im Kreativzentrum H7 an der Heilbronner Straße wächst Pixel für Pixel an den Flachbildschirmen der Lava-Mitarbeiter jene Wüstenstadt empor, die ein Muster für die umweltverträgliche Stadt der Zukunft werden könnte.

"In den nächsten 20 Jahren werden weltweit weitere zwei Milliarden Menschen in Städten leben", glaubt Alexander Rieck. "Wir müssen heute Antworten darauf finden, wo wir die Unmengen an Energie herbekommen, die diese Städte benötigen."


"Stuttgart 21 fehlt die Sexyness"


Während die Scheichs am Golf mit viel Geld kühne Antworten suchen, sind die deutschen Bauherren aus Sicht der Lava-Architekten oft zu zaghaft. "Dem Projekt Stuttgart 21 fehlt absolut die Sexyness", sagt Alexander Rieck. "Es hat keine übergeordnete Idee, die es bei den Menschen populär machen könnte", ergänzt Tobias Walliser.

Während in tausenden von Kilometern Entfernung eine grüne Oase entsteht, blickt man in Stuttgart, so meint Walliser, auf einen 15 Jahre alten Entwurf.


Quelle: Stuttgarter Zeitung, Erik Raidt, veröffentlicht am 28.08.2009

 
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